Ehrung für Nazi-Ideologen?

„Der heutige Tag kann nur der Beginn einer intensiveren Beschäftigung mit dem großen Sohn unserer Stadt und bedeutenden Psychiater sein und soll dazu beitragen, sein Leben und Werk dem breiten Publikum zugänglich zu machen“, zitiert das Online-Portal Neustrelitz Leben im Jahr 2006 Bürgermeister Andreas Grund.
Neustrelitz scheute keine Mühen, den damaligen Chefarzt der Psychiatrie Neubrandenburg Dr. med. Rainer Gold für das Jubiläum zu engagieren.
Anlässlich des Gedenkens an Psychiater Emil Kraepelin fand Gold an jenem Tag nur lobende Worte für dessen wissenschaftliche Errungenschaften. Beispielhaft für die Bedeutung Kraepelins für die psychiatrische Fachwelt nannte Gold seine Prägung der Klassifikation psychischer Störungen und Kraepelins Krankheitssystematik. Kraepelin war einer der eifrigsten Förderer der wissenschaftlichen Alkoholismus-Erforschung, betonte Gold.
Wie kann es sein, dass der in seinen Schriften Juden diffamierende Psychiater Emil Kraepelin eine Gedenktafel erhält, der obskure Thesen über für ihn Andersartige und Homosexuelle aufstellte, der das Auslöschen unangepasster Menschen diskutierte, dessen Schriften u.a. seinen damaligen Oberarzt Rüdin zur Mitbegründung der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene animiert hatten und auch damit den Nazis Tore und Türen für ihre Vernichtungsaktionen öffneten?
Während diese Gedenktafel in der Glambeckerstraße 14 in Neustrelitz noch heute angebracht ist, mahnt Bundesverdienstkreuzträger Dr. Peter Lehmann die überfällige öffentliche Verurteilung Kraepelins als einen der ideologischen Wegbereiter des psychiatrischen Massenmords während der Hitlerdiktatur an (Lehmann; 1992, 2010, S. 25-37; 2017).
Auf die Anfrage an Bürgermeister Andreas Grund, ob die Anbringung der Gedenktafel nicht rückgängig gemacht werden kann, wurde nicht reagiert. Das Klinikum Neubrandenburg schweigt sich ebenso zur Anfrage aus, inwieweit unter den Psychiatern vor Ort überhaupt eine kritische Auseinandersetzung mit den Werken Kraepelins stattgefunden hat. Es verwundert kaum, dass auch Laudator Gold keine differenzierte Meinung zu der historisch umstrittenen Person Kraepelin entwickelt.
1991 hatte der Spiegel über den zu DDR-Zeiten in Berlin tätigen Pharmakologen und Chefarzt Gold berichtet, der sich im Spiegel-Interview offen dazu bekannte, während seiner damaligen Tätigkeit zu Testzwecken Medikamente an Alkoholikern verabreicht zu haben. Eine medizinische Praxis, die schon damals ethisch höchst fragwürdig war und heute verboten ist.
Mit der Ehrung Kraepelins und der Wahl Golds als Laudator der Veranstaltung haben Bürgermeister Grund und das Land Mecklenburg-Vorpommern nicht nur mangelndes Feingefühl bewiesen, sondern zudem auch ein fatales politisches Signal gesetzt. Diese Art der Leugnung historischer Menschenrechtsverletzungen setzt sich leider fort, denn das Schweigen der Verantwortungsträger in der Politik als Antwort auf alle bisher veröffentlichten Aufarbeitungsbemühungen von gegenwärtigen Menschenrechtsverletzungen in deutschen Psychiatrien bleibt ungebrochen.

Dr. Christian Discher

Von 1993-2010 war Dr. med. Rainer Gold als Chefarzt der Neubrandenburger Psychiatrie in der Wilhelm-Külz-Straße tätig. Im Anschluss an seine Pensionierung übte er nach belegbaren Erkenntnissen bis 2014 weitere Tätigkeiten als Psychiater aus.

Verwendete Literatur

Kraepelin, Emil 1918: „Geschlechtliche Verwirrungen und Volksvermehrung“: Münchener Medizinische Wochenschrift: Organ für Amtliche und praktische Ärzte. 65. Jahrgang.117-120.

Lehmann, Peter 2017: »Sterben unter psychiatrischer Behandlung – Gedanken zur »Euthanasie« über den gestrigen Tag hinaus«, in: Irrturm (Bremen): »Euthanasie-Verbrechen«.

Lehmann, Peter 2010: »Der chemische Knebel – Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen, 6. Auflage, Berlin / Eugene / Shrewsbury.

Lehmann, Peter 1992: »Fortgeschrittene Psychiatrie: Der J.F. Lehmanns Verlag als Wegbereiter der Sozialpsychiatrie im Faschismus«, in: Psychologie und Gesellschaftskritik, 18. Jg., Nr. 62, Heft 2 (»Euthanasie + Modernisierung 1939 bis 1945«), S. 69-79.

Online-Portal Neustrelitz Leben 2006: „Neustrelitz ehrt Emil Kraepelin – Gedenktafel am Wohnhaus der Familie enthüllt“.

Roelcke, Volker 1999: Krankheit und Kulturkritik: Psychiatrische Gesellschaftsdeutungen im bürgerlichen Zeitalter (1790-1914). Campus. Frankfurt/New York.

Sheperd, M. 1995: „The two faces of Emil Kraepelin.“: The British Journal of Psychiatry 167 (2): The Royal College of Psychiatrists: 74-183.

Sheperd, M. 1995: Kraepelin and modern psychiatry: European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience. Volume 245 Number 4/5:189-195.

Spiegel: 04.02.1991 „Das ist russisches Roulett“.

Billigarbeitskraft, Verwaltungsgegenstand oder Mensch?

Nach Bekanntwerden des Buches „Fehl am Platz – Gefangen im Helfersystem Heim“ und der veröffentlichten Rezension hüllen sich Verantwortungsträger der Lebenshilfe e. V in Sachsen-Anhalt in Schweigen. Unfassbar, dass sich das Leben des intelligenten Mathias Hoppe nach wie vor in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung abspielen muss. „Schachteln falten, Teile in irgendwelche Tüten stecken. Und das für mich mit einem IQ von 132. Ich bin auch ein Mensch“, berichtet Mathias verzweifelt.

An wen sollen sich Menschen wie Mathias wenden, wenn die für sie zuständigen Behörden und Ansprechpartner an einer Aufklärung der Menschenrechtsverletzungen scheinbar kein Interesse zeigen? Mathias Hoppe hat mich am 22.12.2016 für sein Kunstprojektradio Omott zu seinem Buch „Fehl am Platz – Gefangen im Helfersystem Heim“ interviewt. Das Telefoninterview wird an dieser Stelle in schriftlicher Form veröffentlicht.

Mathias Hoppe im Gespräch mit Christian Discher

Hoppe: Du hast ja mit „Die Stimmen der Übriggebliebenen“ ein sehr beeindruckendes Buch geschrieben und du hast mein Buch „Fehl am Platz – Gefangen im Helfersystem Heim“ gelesen. Was hat dich an meinem Buch besonders beeindruckt – positiv wie negativ?

Discher: Du sprichst stellvertretend für abhängig Untergebrachte, die nicht die Kritik so auf den Punkt bringen können. Du bist ein wichtiger Zeuge, dem öffentlich Gehör verschafft werden muss. Das System, dem du ausgesetzt warst und bist, ist unmenschlich. Deshalb finde ich gut, mit welchem Mut du voranschreitest, dass du deine Geschichte öffentlich machst. Zu deinem Buch gibt es nichts Negatives zu sagen. Nur die ausbleibende Reaktion nach der Veröffentlichung deines Buches bis zum heutigen Tag bewerte ich als negativ.

Hoppe: Ich war 14 Jahre im Heim. Was hat es deiner Meinung aus mir gemacht?

Discher: Die Frage kannst du selbst am besten beantworten. Ich finde es furchtbar, dass Menschen 14 Jahre weggeschaut haben. Ich finde es furchtbar, dass dir deine Kompetenzen aberkannt wurden. In dem System wurde zugesehen, wie du krank gemacht wurdest in der Einrichtung „Lebenshilfe e. V in Sachsen-Anhalt“. Die haben nichts dagegen unternommen. Das Einzige, was unternommen wurde, war dir Medikamente zu verabreichen, ohne die Ursache für dein seelisches Leid zu hinterfragen. Das Leid haben sie scheinbar selbst verursacht, da sie weggeschaut haben, als du auch innerhalb dieser Einrichtung zum Opfer von Diskriminierung wurdest. Psychiater haben dir Medikamente verschrieben. Und es war ein Teufelskreis, den du nach 14 Jahren endlich durchbrechen konntest. Jeder, der dein Buch liest, wird sich ein Bild machen, was derartige Missstände aus einem Menschen machen können. Für bestimmte Sachen, die du erleben musstest, kann man keine Worte finden. Es ist wichtig, dass du dein Buch verbreitest und ein großes Lesepublikum findest.

Hoppe: Wie sollte man für die Behinderten und psychisch Erkrankten sorgen? Wie würde Teilhabe deiner Meinung nach richtig aussehen?

Discher: Wir sprechen ja von Inklusion, also der gleichberechtigten Teilhabe aller Menschen. Die Strukturen müssen so geschaffen werden, dass jeder Mensch teilhaben kann. Ich finde, dass wir im Rahmen der Inklusionsdebatte nicht vergessen dürfen, dass in Einrichtungen Menschen untergebracht sind und werden, die Grausames erleben müssen. Und gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen, die besonders schutzbedürftig sind, haben überhaupt keine Möglichkeiten, sich gegen strukturelle Diskriminierung zu wehren. Und auch, wenn sich manches in den letzten Jahren für Menschen mit psychischen Erkrankungen getan hat, ist es schwer, von Teilhabe zu sprechen, wenn politische Verantwortliche, Ministerien, Menschen, die viel über Inklusion diskutieren, nicht an der Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen interessiert sind. Und so lange diese grausamen Geschehnisse – deine Geschichte ist seit Monaten bekannt – oder auch die Geschichte der „Stimmen der Übriggebliebenen“ oder auch die zahlreichen Menschen, die in Blogs oder auf Facebook auf ihre Lebensgeschichten aufmerksam machen, finden einfach kein Gehör. Und so lange kann man nicht von Teilhabe sprechen, wenn Menschen hinter verschlossenen Türen unter anderem auch psychisch krank gemacht werden.

Hoppe: Was gab es in mir, was die Schikane und den ganzen Psychoterror hat überstehen lassen? Vielleicht das, was die Wissenschaft immer jetzt als Resilienz postuliert?

Discher: Resilienz ist ja ein Begriff, der in vielen Wissenschaftszweigen zur Anwendung kommt. Es heißt ja Widerstandsfähigkeit. Du hast in deiner Lebensgeschichte auch Widerstandsfähigkeit bewiesen, denn du hast dir Überlebensstrategien angeeignet. Du beschreibst ja selbst, dass du sehr gute Beziehungen zu einem Therapeuten hast, der dich in deinen ganzen Potenzialen gestärkt hat und nach wie vor stärkt. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich es schade finde, dass dein Therapeut keinerlei Möglichkeiten hatte, dich aus diesem Umfeld zu befreien, obwohl er von deinem tiefgehenden Leid wusste. Ein weiterer Punkt ist, dass du ein hochbegabter Mensch bist, da dir ein IQ höher als 130 attestiert wurde. Du hattest dadurch auch Voraussetzungen, die andere nicht hatten. Du hast dir Literatur besorgt, dir Bücher zum Thema Psychologie gekauft, um dich zu informieren, um Wege zu finden, wie du dich aus diesem „Loch“ befreist. Das spricht für deine Widerstandsfähigkeit. Du hast dich faktisch selbst geheilt.
Auch mit dem Mangazeichnen hast du einen Weg gefunden, dein seelisches Leid festzuhalten und zu dokumentieren. Am wichtigsten ist deine Freundin Angela. Sie spielt eine tragende Rolle. Seit du Angela hast, hat sich dein Leben von Grund auf positiv verändert. Sie ist einfach eine starke Persönlichkeit, die dich auch aus dem Sog dieses Betreuungsumfeldes rausgeholt hat. Dass Angela mit ihrer Lebenserfahrung intuitiv weiß, was richtig und was falsch ist. Schau, wo du jetzt stehst. Du hast ein Buch geschrieben, du bist in der Öffentlichkeit mit deinen Mangas bekannt. Angela unterstützt dich mit ihrer Kraft und ihrer Liebe. Und die ganzen Jahre zuvor, wie du das Leid in der Lebenshilfe Mansfeld ertragen konntest, ist deiner Fähigkeit und Kompetenz zu verdanken, über das Unrecht, was dir widerfahren ist, zu reflektieren. Und zu erkennen, welche Menschen dich umgeben. Du erklärst ja auch in deinem Buch durch Hinzuziehung psychologischer Strategien, warum die Menschen so gehandelt haben, obwohl du der Schutzbedürftige warst. Du hast deine eigene Welt geschaffen, die dir half, in der Einrichtung zu überleben.

Hoppe: Was sagst du zu meinen Mangas?

Discher: Deine Mangas erreichen Menschen, die sich nicht die Zeit nehmen können, deine Lebensgeschichte zu lesen. Du erreichst sie über eine verständliche Sprache – über Bildsprache und über kreative Dialoge. Und das macht deine Mangas so besonders. Die Stärke, die du mit deinen Zeichnungen zum Ausdruck bringst. Sie zeigt, was du für ein Mensch bist. Ich bin kein Künstler, ich kann nicht zeichnen. Ich kann mir aber vorstellen, dass du häufig lange vor deinen Zeichnungen sitzt – dass die Ideen und Bilder aus deinem Inneren kommen. Dass die Menschen über die Bilder viel mehr erfahren – was keinerlei Worte und Erklärungen bedarf – die Bilder sprechen für sich.

Hoppe: Warum haben deiner Meinung nach diese normalen Betreuer so getan, dass sie „unfehlbar“ sind? Warum zählte meine Meinung nicht?

Discher: Die Betreuer haben deine Kompetenzen verkannt. Sie haben sich in ihrem Handeln und in ihrer Einrichtung unangreifbar gefühlt. Sie haben nie geglaubt, dass du die Kraft jemals aufbringen wirst, dich aus dem Sog dieses Systems zu befreien, um deinen Weg selbständig zu gehen. Die Betreuer haben sich einfach verrechnet.

Hoppe: Was geht in den Köpfen dieser Mobber nur vor? Warum ärgern diese Menschen gerade mich – einen eigentlich sensiblen und gutmütigen freundlichen Menschen?

Discher: Nach dem Lesen deines Buches kann ich nichts Anderes sagen, nur, dass die Professionellen eine menschenverachtende Haltung an den Tag legen, und das, was dir alles angetan wurde und wird, nichts mit den Leitlinien einer inklusionsorientierten Einrichtung zu tun hat. Und ich möchte jetzt nicht verallgemeinern, doch es kann nicht sein, dass mit Menschen hinter verschlossenen Türen so umgegangen wird.

Hoppe: Soll und darf man „Mobbing“, „Böswilligkeiten“ und „Schikane“ einfach nur so akzeptieren, wie es viele Offiziellen, wie beispielsweise der Psychologe der Behindertenwerkstatt, von mir nahezu verlangte? Warum ist dies so schädlich?

Discher: Also, es ist auch so, wie du deine Frage formuliert hast. Wie du in deinem Buch schreibst, zeigst du immer wieder die ignorante Haltung der für dich Verantwortlichen. Die überhaupt nicht gesehen haben, dass sie mit Menschen arbeiten, sondern eher das Gefühl hatten, mit Verwaltungsgegenständen zu hantieren. Du warst nicht mehr als eine Nummer. Anders kann ich eine derartige Haltung nicht deuten. Jeder, der dein Buch gelesen hat, wird verstehen, was ich damit meine.

Hoppe: Was denkst du von der Person – der Betreuerin C. Was für einen Schaden hat sie bei den Leuten im Heim angerichtet – nicht nur bei mir?

Discher: Ich denke, dass ich die Frage nicht beantworten kann. Dies bedarf einer tiefgründigen Untersuchung. Nicht jeder, der in dieser Einrichtung untergebracht ist, hat die Fähigkeit, so darüber zu berichten. Das muss von offizieller Seite aufgeklärt werden.

Hoppe: Welche Rolle spielen die Akten – diese ständige Dokumentation und Aktenschreiberei – und diese Rundumüberwachung im Heim? Warum ist es deiner Meinung nach zu einem globalen Misstrauen gekommen bei mir?

Discher: Also zu einem globalen Misstrauen ist es ja bereits damals schon gekommen durch die Haltung, die deine Betreuer an den Tag gelegt haben. Du bist ja nicht wie ein Mensch behandelt worden, der gleichberechtigt teilhaben sollte, sondern du wirst eher wie ein Verwaltungsgegenstand „verwahrt“ in dieser Einrichtung. Wie bereits erwähnt, man hat dir deine Kompetenzen aberkannt, dir deine Lebensfähigkeit aberkannt. Sie wollten und wollen dich ja nach wie vor in dieser Einrichtung halten. Und die bisher ausbleibende Reaktion der für die Lebenshilfe Mansfeld Zuständigen sagt doch alles über deren Menschenbild und Inklusionsverständnis aus. Traurig ist das.
Du bist eine billige Arbeitskraft. Und diese Einrichtungen sind wirtschaftlichen Kriterien unterworfen. Das, was ich mich nach dem Lesen deines Buches gefragt habe, ist, ob dieses System ein Interesse daran hat, Menschen dahingehend zu befähigen, dass sie selbständig leben können. Und was sich nach dem Lesen deiner Geschichte bemerkenswert diskutieren lässt, diese sogenannten Inklusionsbefürworter deiner Einrichtung scheinen nicht daran interessiert zu sein. Wenn sie nämlich die Menschen zur Selbstständigkeit befähigen würden, könnten sie ihre Einrichtungen schließen. Demzufolge würden sie auch kein Geld mehr verdienen an und mit ihren „Verwaltungsobjekten“. Es ist wahrscheinlich nicht vorgesehen, diesen Menschen, euch, einen Platz in der Mitte dieser Gesellschaft zuzugestehen.

Hoppe: Eine mobbende Betreuerin – die Betreuerin C. im Buch – sagte mir in einer Szene im Streit – „Schreib doch nur! Dich bringt das doch eh nichts!“ [Originalzitat der Betreuerin C.] Was hältst du von dieser Aussage?

Discher: Diese Haltung hat dazu geführt, dass du über sie berichtest.

Hoppe: Zeigt mein Buch nicht auch die Hilflosigkeit und die Überforderung des oft chronisch unterbesetzten Heimpersonals?

Discher: Also ich muss sagen, dass eine chronische Unterbesetzung des Heimpersonals keine Entschuldigung dafür sein kann, dass Menschenleben zerstört werden. Jeder, der in diesem System mitwirkt, seien es Psychiater, seien es rechtliche Betreuer oder auch Pflegende, muss zur Verantwortung gezogen werden.
Ich habe eine Petition gestartet, in der ich mit Nachdruck darauf hinweise, dass unsere Gesellschaft unbedingt Anlaufstellen braucht, wo auch Pflegende Missstände und Menschenrechtsverletzungen anonym melden können.

Hoppe: Kommen wir zum Thema Psychopharmaka: Ich habe das Mittel Clozapin bis nach meinem Burnout 2005 bekommen, dann wurde umgestellt. Warum wurde es so lange ohne erneute Kontrolle gegeben?

Discher: Also, ich kann nur anhand des Buches beurteilen, dass die Menschen, die dich behandelt haben, auch die Psychiater, eine menschenverachtende Haltung an den Tag gelegt haben. Die Ärzte sind funktionsgesteuert ihren Alltag nachgegangen, ohne einen Moment darüber nachzudenken, was sie dir mit der Gabe dieser Medikamente antun. Und es ist mehr als erstaunlich, dass du trotz der Medikamente in der Lage bist, dich öffentlich zu äußern und zu zeigen. Und auch diese Menschen werden sich hoffentlich nach dem Erscheinen deines Buches und deiner Zeichnungen an entsprechenden Stellen verantworten müssen.

Hoppe: Es gibt auch gute Szenen der Hoffnung: als am jeden 13.12.2012 die blinde Frau Angela den Mathias kennenlernt und es sofort „Klick“ macht bei den beiden. Warum ist es deiner Meinung nach meine Liebe zu Angela so ungemein wertvoll? Warum klappt diese Liebe so gut?

Discher: Liebe braucht keine Worte, das war das Leben, das euch zusammengeführt hat. Ich freue mich, dass du Angela an deiner Seite hast. Sie ist eine sehr starke Persönlichkeit und mehr gibt es nicht zu sagen.

Hoppe: Als Angela und ich uns im März 2016 zu deiner Lesung auf der Leipziger Buchmesse setzten, hast du da sofort erkannt, dass ich sensibel bin? Was hast du an mir bemerkt?

Discher: Ich habe so viele Menschen im Leben kennengelernt, die schwere Schicksalsschläge erleiden mussten. Es waren deine Offenheit und dein Interesse an meinem Buch, wie du deine Fragen dazu gestellt hast. Da habe ich gemerkt, dass du auch ein ähnlich schweres Schicksal erlitten haben musstest. Ich denke, dass sich Menschen im Leben erkennen, die derartige Erfahrungen machen mussten.

Hoppe: Bin ich mit meiner Geschichte ein Einzelfall? Oder denkst du, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt und ich nur einer bin, der jetzt sein Schweigen bricht?

Discher: Ich mache schon sehr lange auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam. Ich berichte darüber, wie es Menschen ergeht, die abhängig in Einrichtungen untergebracht sind. Mit dem Beginn der Aufarbeitung an offiziellen Stellen würden sich Abgründe auftun, die sich jener menschlichen Vorstellungskraft entziehen. Und du bist keinesfalls ein Einzelfall, es gibt viele Menschen, die in ähnlichen Situationen waren und sind. Deshalb ist auch deine Arbeit der Aufklärung umso wichtiger. Und ich hoffe, dass sich die verantwortlichen Stellen zu den Vorfällen äußern. Und ich weiß, wenn wir weiter mit der Öffentlichkeitsarbeit machen, dass wir ganz viel erreichen werden. Auch für diejenigen, die keine Stimme mehr haben, die nicht mehr die Fähigkeit besitzen, ihr Schicksal zu erzählen, weil sie nicht mehr leben – oder weil sie durch die Misshandlungserfahrungen in den Einrichtungen keine Möglichkeiten haben, ihre Geschichten zu erzählen. Gerade wir Überlebenden der „Willkürsysteme“ sollten nie aufgeben, egal, wie schwer der Weg wird. Wir müssen die Aufklärungsarbeiten mit aller Vehemenz vorantreiben.

Hoppe: Warum habe ich die Haltung, dass ich kaum einen zum Reden habe und fast alles, was mich innerlich bewegt, was ich sehe und erkenne, nur noch – ehrlich gesagt – meinen Stiften und meinem Zeichenpapier anvertrauen kann?

Discher: Es ist, wie wir eingangs besprochen haben: du hast dir Strategien angeeignet und deine Welt kreiert. Das Zeichnen und das Schreiben gehören dazu. Das hat dich überleben lassen.

Hoppe: Was bleibt da noch zu sagen?

Discher: Es wird in der Öffentlichkeit darüber geredet, dass wir die Gegenwart nicht verstehen, wenn wir nicht an die Verbrechen erinnern, die in der Vergangenheit an Menschen begangen wurden. Aber wie sollen wir die Gegenwart verstehen, wenn die aktuellen und kürzlich geschehenen Verbrechen nicht im Bewusstsein der Gesellschaft verankert sind. Diese Menschenrechtsverletzungen in Pflegeheimen und Psychiatrien oder auch in anderen medizinischen Einrichtungen werden in der Gesellschaft kaum wahrgenommen. Es ist so, dass hinter geschlossenen Türen Menschenleben zerstört werden. Und diese Menschen sind nach ihren Aufenthalten zu schwach, um ihre Stimme zu erheben. Sie haben keine Lobby. Es ist wichtig, dass mit der Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen begonnen wird, damit wir auch auf diesem Wege eine Erinnerungskultur etablieren können und die Täterinnen und Täter zur Rechenschaft gezogen werden.

Hochbegabt und abgestempelt: ein behindertes Leben im Inklusionszeitalter

Fehl am Platz: Gefangen im Helfersystem Heim“ nennt Mathias Hoppe sein Buch. Wer diese Lebensgeschichte gelesen hat, wird geschockt darüber sein, wie ein hochbegabter junger Mann im Wohnheim der Lebenshilfe Mansfelder Land in Sachsen Anhalt in seiner Entwicklung zu einem selbständigen Leben „behindert“ wird. Der aufgeschlossene Mathias wuchs in einer Großfamilie auf, in der seine Bedürfnisse und Sorgen wenig Beachtung fanden. Mathias‘ Schulalltag war von massiven verbalen und körperlichen Angriffen geprägt. Äußerungen wie „So etwas wie dich sollte man lebenslänglich einsperren“, „Am besten du bringst dich um“ standen auf der Tagesordnung, berichtete Mathias bereits im vergangenen Jahr der Mitteldeutschen Zeitung.  Auf das Mobbing in der Schule war nach Mathias‘ Empfinden in seiner Jugendzeit durch Lehrkräfte nicht angemessen reagiert worden, geschweige denn wurden die Mobbenden je zur Rechenschaft gezogen. Die massiven Übergriffe führten zur Destabilisierung des sensiblen Jugendlichen und hatten die Einweisung in die Psychiatrie zur Folge. Die behandelnden Psychiater der Klinik Bernburg (Salus gGmbH) verordneten dem damals 15-Jährigen das atypische Neuroleptikum Leponex als fortwährende Dauermedikation: ein unglaublicher Skandal.

Clozapinartige Neuroleptika sind in der Fachliteratur u.a. für ihre schädigenden bis hin zu tödlichen Nebenwirkungen bekannt. Nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie führte Mathias‘ Weg direkt ins Kinderheim, der Ort, an dem er noch die mittlere Reife beendete. Die traumatischen Erlebnisse der vergangenen Jahre, die verabreichten Psychopharmaka und die fehlende Unterstützung des sozialen Umfeldes hatten Mathias psychisch dermaßen aus dem Gleichgewicht gebracht, sodass jener Zeit der Einzug in das Wohnheim der Lebenshilfe Mansfelder Land unausweichlich war.

In Fehl am Platz: Gefangen im Helfersystem Heim beschreibt der Hochbegabte eindringlich seinen Leidensweg, wie psychisch Erkrankte und Menschen mit geistigen Entwicklungsstörungen in seiner Wohngruppe gleichermaßen ohne individualisiertes Therapieprogramm betreut und behandelt werden, sich innerhalb der Wohngruppe Hackordnungen ausprägen, in der die Menschen mit geistigen Entwicklungsstörungen den untersten Rang einnehmen, weil sie aufgrund mangelnder Ausdrucksmöglichkeiten und körperlichen Einschränkungen keine Abwehrmöglichkeiten haben. Ergreifend sind seine regelmäßig wiederkehrenden Ausführungen zum Alltag in der Werkstatt für Behinderte und die Betonung des jahrelang bestehenden, bis zur Unerträglichkeit reichenden belastenden Pfeifens eines in der Werkstatt tätigen Mitbewohners. Die Allmacht der körperlich übergriffigen und gewalttätigen Mitbewohner, die Einfältigkeit einiger Pflegender und die Reduzierung auf sein Dasein als Mensch mit Behinderung, für den nur vorgesehen ist, sein zukünftiges Leben mit „niveauloser Pille-Palle-Arbeit“ zu gestalten, sind nach der Lektüre emotional kaum zu ertragen.

Während die im Wohnheim bestehende Situation regelmäßig zur psychischen Belastungsprobe wurde, weitere Psychiatrieaufenthalte folgten, nahmen auch Diskriminierungen von im Umkreis des Wohnheims lebenden Jugendlichen nicht ab, gegen deren behindertenfeindlichen Äußerungen juristisch keine Schritte eingeleitet worden waren. Aus diesem Teufelskreis sollte es kein Zurück mehr geben. Aus der Not heraus entwickelte Mathias eigene Überlebensstrategien, las psychologische Fachzeitschriften, eignete sich erforderliche Kompetenzen an und belegt ohne in seinen Ausführungen über die Verantwortlichen anklagend zu sein, inwieweit der Überlebenswille eines Menschen reichen kann. Mit der Veröffentlichung des erschütternden Lebensberichtes erhalten die inklusionsverantwortlichen Stellen einen weiteren Einblick in die exkludierende Parallelgesellschaft, die hinter verschlossenen Türen ihren eigenen Regeln folgt, in der die Schwächeren den Kürzeren ziehen und trotz Betreuung auf sich allein gestellt bleiben.

Nach der Lektüre dieser erschütternden Geschichte darf in Frage gestellt werden, ob ein rechtlicher Betreuer bzw. das betreuende System ein Eigeninteresse daran hat, jemanden dahingehend zu verselbstständigen, dass er der Inanspruchnahme äußerer Unterstützung nicht mehr bedarf. Warum wurden keine juristischen Schritte gegen die Jugendlichen eingeleitet, deren strafbaren Beleidigungen Mathias in regelmäßigen Abständen auf der Straße ausgesetzt war? Warum wurde ihm in einem Zeitraum von acht Jahren Leponex verabreicht, im Bewusstsein der Tatsache, dass die dauerhafte Gabe dieses Medikaments massive psychische und körperliche Schäden hervorruft? Warum hat die oder der rechtliche Betreuer nicht bereits längst dafür gesorgt, dass der Betreute entsprechend seiner Beeinträchtigungen dahingehend befähigt wird durch die Inanspruchnahme von zu seinem Intellekt passenden Therapien, ein eigenständiges Leben führen zu können? Was haben die Betreuer gegen die Mobbingvorwürfe im Wohnheim unternommen und warum scheint dies, sofern etwas veranlasst wurde, nicht dazu geführt zu haben, dass diese unterbunden wurden? Warum wurde der wahre Intellekt des Betroffenen in der Einrichtung nicht erkannt? Wie viele Menschen mussten und müssen noch heute ein ähnliches Schicksal erleiden?

Was nach dem Lesen des Lebensberichtes Fehl am Platz: Gefangen im Helfersystem Heim übrig bleibt, ist das Gefühl der Ernüchterung darüber, was in manch einer Einrichtung unter dem Deckmantel der Inklusion unter „Lebenshilfe“ verstanden wird. Der mittlerweile 35-Jährige hat mit der Veröffentlichung seines 457-seitigen Lebensberichtes und in der Kunst des Manga-Zeichnens einen Weg gefunden, auf sein Schicksal aufmerksam zu machen. Erfahren Sie mehr über Mathias Hoppe, besuchen Sie seine Facebook Seite und unterstützen Sie ihn auf seinen Weg zurück ins Leben. Das Buch “Fehl am Platz: Gefangen im Helfersystem Heim“ kann auf Anfrage beim Autor erworben werden.

Dr. Christian Discher

Der Junge vom Saturn: Mathias‘ Tagebuch-Manga zum Thema Leben als hochbegabter und hochsensibler Mensch online:

Kainz, Daniela 2015: Mobbingopfer aus Helbra stellt eigenen Comic vor Nah am Selbstmord – 

Lehmann, Peter: »Atypische« Neuroleptika: Typische Unwahrheiten für schlichte Gemüter  [in gekürzter Fassung und unter dem Titel »›Atypische‹ Neuroleptika, typische Unwahrheiten« abgedruckt in: Pro Mente Sana Aktuell (Schweiz), 2003, Heft 1 (»Biologismus – Stirbt die Seele aus?«), S. 16-18

Machtmissbrauch in der Psychiatrie: Wenn Fehldiagnosen und Zwangsbehandlungen Leben zerstören

Hamburg (ots) Kann sich Ueckermünde auch nach den NS-Verbrechen nicht vom Bann des Unrechts lösen? Als 1993 die „Die Hölle von Ueckermünde – Psychiatrie im Osten“ ausgestrahlt wurde, war das Medienecho gewaltig. Die unmenschlichen Unterbringungsmaßnahmen sorgten weltweit für Entsetzen. Sein größtes persönliches Unrecht erlebte Christian Discher in Ueckermünde Jahre nachdem Ernst Klees Reportage erschienen war. Als damals 17-Jähriger wurde er auf die Akutstation in Haus 12 in Ueckermünde eingeliefert. Was Christian Discher dort erlebt hat, beschreibt er aus der Perspektive eines Jugendlichen in seinem Buch: „Die Stimmen der Übriggebliebenen“, erhältlich beim underDog-Verlag. Christian gerät nach einer Tumorerkrankung und dem Entdecken seiner eigenen Homosexualität in eine tiefe Lebenskrise. Eine Seelsorgerin möchte helfen und bringt Christian ins Klinikum Neubrandenburg. Dort beginnt sein Martyrium. Noch ehe er sich versieht, wird ihm seine Identitätskrise als Folge einer Schizophrenie attestiert. Ohne Christians Eltern zu informieren, wird er fixiert, medikamentös zwangsbehandelt und nach Ueckermünde abtransportiert. Dort, dauerhaft sprach- und bewegungsunfähig gemacht, erlebt er das innere der Geschlossenen. Bilder, die er nie vergessen wird. In der Nachsorge trifft er auf ein System, das ihn und seine neu gewonnenen Freunde unterdrückt. Nur langsam erlangt Christian seine Sprachfähigkeit wieder. Er wehrt sich gegen den vorgefertigten Plan, der für ihn nur den Besuch einer Behindertenwerkstatt vorsah. Dabei lässt er seine Wegbegleiter zurück. Sie haben keine Kraft mehr und scheiden aus dem Leben. Durch den Aufenthalt in Ueckermünde hat der heute promovierte Sprachwissenschaftler Jahre seines Lebens verloren. Für Recherchen kehrte er 2014 in seine alte Heimat zurück. Mit Erschrecken stellte er fest, dass ein Teil des ärztlichen Personals noch immer praktiziert.(Erschienen am 05. 11.2015)

 

Dr. Christian Discher

140 Jahre dunkle Psychiatriegeschichte Ueckermünde: Zwielichtiges Jubiläum und „ein Blumenstrauß“ für die Toten:

Hamburg (ots) Stolz präsentiert sich die Psychiatrie in Ueckermünde im Nordosten Deutschlands mit ihrer 140-jährigen Tradition. Erst im Oktober 2015 wurde der große „Jubiläums-Festakt“ gefeiert. Bei den Reden standen wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Für die Opfer des Euthanasieprogrammes während der Naziherrschaft wurde „ein Blumenstrauß“ niedergelegt. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte fehlte, kritisierte der Allgemeine Behindertenverband in Mecklenburg-Vorpommern e. V.  Christian Discher wurde 1997 auf der Akutstation Haus 12 behandelt. „Er schildert, wie er in einem grauenvollen Herrschafts- und Willkürsystem erniedrigt wurde“, schreibt der Sprach- und Religionsphilosoph Ropers über Dischers Tagebucherzählung “Die Stimmen der Übriggebliebenen“. „In einer Pubertätskrise sollte mir geholfen werden“, erzählt Discher. „Nach dem achtwöchigen Aufenthalt habe ich damals die Klinik als Mehrfachbehinderter verlassen.“Der Autor berichtet von massiven Menschenrechtsverletzungen. Das Verabreichen willensbrechender Medikamente, grundloses Festschnallen, Wegsperren und Demütigungen prägten den Alltag. Die Geschichte von Verletzung und Unrecht wiederholt sich, auch in Ueckermünde. Diese Einrichtung blieb hinter verschlossenen Türen ein Raum ohne Recht auf Selbstbestimmung, in dem Menschen sich nicht wehren konnten, wo noch 2016 dieselben Ärzte arbeiten, ohne je zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. Trotz der zahlreichen Versuche des Autors auf die massiven Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen, hüllen sich Politik und Ärzteschaft in Schweigen. „Aufklärung ist nicht erwünscht. Wer weiß, was noch alles ans Tageslicht kommen würde“, sagt Discher. Das Einzige was bleibt, sind die Erinnerungen an seine Freunde, von denen viele bereits aus dem Leben geschieden oder von den Medikamenten so gezeichnet sind, dass ihnen eine Teilhabe am öffentlichen Leben nicht mehr möglich ist. Ein bemerkenswertes Buch und Zeugnis eines Überlebenden psychiatrischer Folter und Zwangsbehandlung, der es geschafft hat, seine Sprachlosigkeit zu überwinden. Die Stimmen der Übriggebliebenen jetzt auch als eBook erhältlich. (Erschienen am 20.01.2016)

Dr. Christian Discher

 

Plädoyer für die Aufklärung grausamer Vorfälle in der Psychiatrie Ueckermünde

Hamburg (ots) Das Werk des Autors Christian Discher „Die Stimmen der Übriggebliebenen“ sorgt erheblich für Aufsehen. Als Überlebender psychiatrischer Zwangsbehandlung und Folter berichtet Discher über seine schrecklichen Erlebnisse aus seiner Jugendzeit in den Psychiatrien Neubrandenburg und Ueckermünde. Die Rückmeldungen des Lesepublikums sind beträchtlich, die der Ärzteschaft und Politik bleiben aus. Eine Pubertätskrise führte den damals 17-Jährigen Christian Discher in die Psychiatrien nach Neubrandenburg und Ueckermünde. Ohne Anamnese wurde ihm eine psychische Erkrankung attestiert. Gegen seinen Willen sperrten die Ärzte ihn ein, fixierten ihn und verabreichten ihm chemische Substanzen, die sämtliche Gehirnfunktionen beeinflussten. In seinem Buch beschreibt Discher eindringlich, wie er seine Sprach- und Bewegungsfähigkeit verlor, wie er vom Personal und in der Nachsorge über mehrere Jahre gedemütigt und diskriminiert wurde. Hilflos war er diesem Treiben ausgeliefert. Nur mit eisernem Willen und mit der Unterstützung seiner engsten Verbündeten konnte er zurück ins Leben finden, ganz im Gegensatz zu seinen Mitpatienten und Wegbegleitern, von denen zahlreiche verstorben sind oder noch im Jahr 2016 vergeblich versuchen, Beistand von verantwortlichen Stellen zu erhalten. Wie lange soll noch mit der Aufklärung und Aufarbeitung der Zwangsbehandlungen, Heimunterbringungen und versuchten Suiziden an den benannten Orten gewartet werden? Wie viele Patienten erlitten ähnliche Schicksale wie Christian Discher und verließen diese Psychiatrien kränker als sie mit der Hoffnung auf Hilfe hineinkamen? Wie viele konnten das System Psychiatrie in Mecklenburg-Vorpommern nie mehr verlassen? Wie viele Ärzte von damals sind noch heute mit der Behandlung von Patienten betraut? Für die Zukunft wünscht sich Christian Discher eine lückenlose Aufklärung der mit diesen Psychiatrien in Zusammenhang stehenden Menschenrechtsverletzungen.

Seien Sie herzlich zur Lesung von Christian Discher auf der Leipziger Buchmesse eingeladen, dessen Buch aufgrund mehrfacher Nachfragen nunmehr auch in der englischsprachigen Version mit dem Titel The Voices of Those Remaining als eBook veröffentlicht wurde. http://www.leipziger-buchmesse.de/ll/veranstaltungen/16712 (Erschienen am 14.03.2016)

Dr. Christian Discher

Kellerkinder e. V. unterstützt die Aufklärungskampagne in Berlin

Ab sofort liegen und hängen die Flyer “Zerstörungsmaschinerie Psychiatrie: Opfer, Tote und Überlebende psychiatrischer Zwangsbehandlung & Folter“ in Berlin in der Ebertystraße 8 im Schaufenster des Vereins “Kellerkinder“ aus. Für die Unterstützung der Kampagne auf dem inklusiven Sommercamp in Duderstadt ist auch gesorgt.

Lieben Dank dafür an Alexandra Ernst und Thomas Künneke von “Kellerkinder e.V.“ in Berlin

Dr. Christian Discher und die Stimmen der Übriggebliebenen

Das Schaufenster Ebertystraße 8 in Berlin

Berlin Landsberger Allee

Sprachverbot in der Forensischen Psychiatrie: “In deutschen Kliniken muss Deutsch gesprochen werden!“

Hintergrund der Übersetzung des Beitrages “Genitalverstümmelung im Maßregelvollzug: Autismus, Ausweglosigkeit und Selbsttötungen in der deutschen Forensik“ auf Russisch durch Ernests Mutter Natalia T. ist das in der Vergangenheit ihr gegenüber ausgesprochene Verbot durch die Forensische Psychiatrie in Stralsund, mit ihrem Sohn in der Muttersprache Russisch zu kommunizieren. Als Grund für diese Maßnahme hatte der Chefarzt der Klinik 2013 angegeben, „dass Ernest schon nach Telefonaten mit der Mutter unausgeglichener war und sich schwerer lenken ließ.“ Sicher wäre die Klinik gut beraten gewesen, zu hinterfragen, inwieweit ihre Behandlung die Ursache für eine zusätzliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes war bzw. ist. Für Autisten stellen routinierte Abläufe und sprachliche Vertrautheit mit der engsten Bezugsperson die Grundvoraussetzungen für eine Genesung dar. Den Ausführungen der Mutter zufolge scheinen in der Einrichtung nicht einmal diese gewährleistet worden zu sein. Vor Ernests Unterbringung wurde zu Hause ausschließlich Russisch gesprochen, erklärt Natalia T. Bis 2013 hat sie ihren Sohn so gut wie nie Deutsch sprechen hören. “Ich verstehe seine deutsche Sprache ganz schlecht, weil er einige Wörter falsch spricht und ich weiß nicht, was er meint.“ Anstatt die therapeutischen Maßnahmen von Anfang an unter Hinzuziehung eines russischen Muttersprachlers zu begleiten, wurde mit dem Einführen der unnötigen Sprachbarriere nur das Gegenteil erreicht.

Als Zeichen der Unterstützung wird nun der Beitrag auch in Ernests Muttersprache Russisch veröffentlicht.

Dr. Christian Discher

Повреждение гениталий в психиатрической больнице:
Аутизм, безнадежность и самоубийства в немецких психиатрических больницах закрытого типа.

Недавно вышла серия фотографий о жертвах и смертельных случаях в немецких психиатрических больницах.
Одного из них зовут Михаил Перец.
Молодой мужчина с коричневыми глазами и симпатичной улыбкой, который из-за удара кулаком много лет находится в психиатрической клинике. Во время конфликта полиция применила против него дубинки и слезоточивый газ. Хорошо видно, как выглядит Эрнест после избиения санитаром, синяк на лице. Аутист который в настоящее время находится на принужденном лечении в психиатрической клинике города Уекермюнд. Отчаянно пытаются сестра Михаила Бьянка Перес и мать Эрнеста добиться гуманного отношения и соответствующего лечения своих родных.
Но они бессильны перед административным аппаратом.
Недавно ко мне обратилась мать Эрнеста с просьбой , чтобы я написал о том что случилось в 2013 году в психиатрической больнице Штральзунд. Эрнест пытался покончить жизнь самоубийством, повредив себе гениталии. Это был не первый случай попытки самоубийства. Эти попытки врачи оправдывают его болезнью, с чем категорически не согласна его мать, но ее мнение игнорируется, Ей запрещали и продолжают запрещать разговаривать с сыном по телефону на родном для него языке, что является нарушением прав человека. Со слезами на глазах, рассказала она о судьбе своего сына, у которого в результате психиатрического лечения здоровье сильно ухудшилось.
Также сестра Михаила, Бианка Перец рассказала, как ее брата в клинике связывали. Как определить где заканчиваются дозволенные меры сдерживания и начинаются циничные издевательства над пациентами? Сколько еще времени должны пациенты, в немецких психиатрических клиниках, вырывать себе полностью ногти, биться головой и руками об стену, отрезать себе гениталии и обмазывать фекалиями всю стену чтобы на их страдания общество наконец-то обратило свое внимание?
“Blick aktuell“ сообщил о нескольких случаях самоубийств произошедших в 2010 году в Nette-Gut психиатрической клинике,
в которой сейчас находится Михаил.
В течение 16 месяцев зарегистрировано много самоубийств.
В прессе не сообщается обо всех этих случаях. Не смотря на все эти страшные происшествия, эта клиника стоит на первом месте по профилактике самоубийств. „den Bundespflegepreis der Fach-vereinigung Leitender Krankenpflegepersonen der Psychiatrie (BFLK) gewonnen.“ Кто и зачем скрывает от общества все эти факты? На сновании предоставленных свидетельств родственников, Эрнест и Михаил пережили такие моральные и физические травмы, которые не оставляют им шансов полноценно жить дальше. Настало время когда общество должно поднять вопрос об справедливом и человеческом обхождением с пациентами и усилить контроль над решениями и действиями судебно-медицинских экспертов, судебных органов, врачей – психиатров и обслуживающего персонала, во избежание ошибочных диагнозов, предвзятости и неоправданных направлениях на принудительное лечение.
Только в этом случае будут не нарушены права находящихся на лечение больных с психиатрическими расстройствами.