Psychiatrie als Todesfalle – Ist Melissa Becks Tod ein Verbrechen?

Kann in Deutschland abkassiert werden ohne Rücksicht auf Verluste? Täuscht ein klammer Klinikkonzern Behandlungen nur vor, schädigt Patienten und wird dabei von Politik und Justiz gedeckt?

Als „ganz dramatisch, ganz dramatisch“, beurteilte die Psychiaterin den Zustand der 20-jährigen Tochter Melissa, die am 9. Juli 2014 zum ersten Mal in ihrem Leben eine psychiatrische Praxis betrat – in einer so erschreckenden Verfassung, dass die Ärztin unmittelbar um ihr Leben fürchtete.

Melissa kehrte nur noch einmal, vier Wochen später, in ihre Praxis zurück. Kurz danach war sie tot. Erhängt. Dazwischen lagen Noteinweisung und 30 Tage Aufenthalt in der Akutpsychiatrie des Klinikums Bremen-Ost. Bundesweit wurde über Melissa Becks Schicksal berichtet.

30 Tage Klinikaufenthalt, die mit dem Tod eines jungen, hoffnungsvollen Lebens endeten und von der Klinik bei Melissas Krankenkasse als psychiatrische „Regelbehandlung A1″ abgerechnet wurden.

30 Tage, die seit nunmehr fast drei Jahren Gegenstand staatsanwaltlicher Ermittlungen sind, einen Tod betreffend, den die Staatsanwaltschaft, gestützt auf ein psychiatrisches Sachverständigengutachten, als „schicksalshaft“ bezeichnet und zu den Akten legen will, während Claudia Beck den Tod ihrer Tochter Melissa „ein Verbrechen“ nennt, das es aufzuklären gilt, um weitere zu verhindern.

„Ein Verbrechen deshalb, weil meine Tochter zwar 30 Tage vollstationär in einem psychiatrischen Krankenhaus zugebracht hat, jedoch unter Bedingungen, die sich im Nachhinein anhand der Behandlungsunterlagen als Inszenierung einer irregulären Scheinbehandlung herausgestellt haben.“

Das Kernstück einer Krankenhausbehandlung, nämlich die ärztliche Behandlung, fehlte dabei nahezu vollständig und wurde vorderhand durch den Einsatz fachfremden, nicht-ärztlichen Personals ersetzt.

Den Behandlungsplan erstellte anstelle eines Arztes eine Krankenschwester, die „Behandlerin“ war Psychologin, d.h. eine Sozialwissenschaftlerin ohne medizinischen Ausbildungshintergrund.

Die ärztlichen Kernaufgaben im Rahmen einer Krankenhausbehandlung: Krankheiten erkennen und heilen, Beschwerden lindern und die Verschlimmerung von Krankheiten verhindern, blieben vor diesem Hintergrund im Wesentlichen unerledigt, berichtete Claudia Beck als sie mir die Aktenberge vorlegte. Melissa war liebenswürdig, vielseitig talentiert, ein „Mädchen mit goldenem Glanz“, wie Melissas Freundin meinte.

War Melissa bereits verloren, als sie in existenzieller Not einem auf Gewinnmaximierung orientierten System in die Hände fiel? Weil die Psychiatrie innerhalb des kommunalen Klinikverbundes sich zur gewinnbringenden Zugmaschine entwickelte, indem es sich klammheimlich einer irregulären Personalsubstitutionsmethode befleißigt hatte?

Melissa war am späten Abend des 8. Juli 2014 von ihrem Studienort Gießen, wo sie im zweiten Semester „Bewegung und Gesundheit“ studierte, am späten Abend des 8. Juli 2014 nach Hause nach Bremen gekommen. In einem kaum wiederzuerkennenden, desolaten Zustand, der unmittelbar das Wort Psychose wie eine flackernde Leuchtschrift vor Claudia Becks innerem Auge hatte auftauchen lassen.

„Mimik, Gestik, Anmutung, alles, was ich in von ihrem Zustand wahrnehmen konnte, schien auf geradezu gespenstische Weise das Erscheinungsbild einer akuten bipolaren Störung widerzuspiegeln – der Erkrankung, deren Entwicklung ich bei ihrem Vater ab 2002 hautnah miterlebt hatte“, erklärte Claudia Beck.

Melissas Krankheit konnte jedoch nicht erkannt und nicht geheilt, ihre Beschwerden nicht gelindert und die Verschlimmerung ihrer Krankheit nicht verhindert werden, da ihr die zur Erfüllung dieser, für eine Krankenhausbehandlung zentralen Aufgaben personellen Mittel für ihre Behandlung nicht zur Verfügung gestellt wurden.

Wurde Melissa Beck zum tödlichen Verhängnis, dass sie in einer Klinik gelandet war, die in wirtschaftlicher Schieflage, ihren Fokus weit weg vom Patientenwohl auf das Wohl der Unternehmensbilanz verlagert hatte?

Das Klinikum Bremen-Ost ist eine der vier Kliniken des kommunalen Klinikverbundes Gesundheit Nord, der seit Jahren gegen die drohende Insolvenz kämpft. Die Kosten für einen Klinik-Neubau am Standort Bremen-Mitte haben längst sämtliche Rücklagen verschlungen und laufen dennoch immer weiter aus dem Ruder: Aus den 2011 ursprünglich veranschlagten 230 Millionen Euro sind zwischenzeitlich 408 Millionen geworden und immer noch kein Ende in Sicht, berichtet der Weser Kurier unter Bezugnahme auf ein „Papier der Gesundheitsbehörde“.

Wie anderswo auch, übernimmt die Stadt Bremen die von ihr als Unternehmenseignerin eigentlich zu tragenden Investitionskosten nur zum kleinsten Teil. Stattdessen soll es ein dem Klinikverbund auferlegter Sanierungsplan bringen: Personalkosten runter, Fallzahlen rauf, so lautet das einfache Rezept, bestätigt auch Rainer Bensch, der gesundheitspolitische Sprecher der CDU in einer mit Claudia Beck auf Facebook öffentlich geführten Diskussion.

Das Ideal: Die Ausrichtung am sogenannten Minimax-Prinzip, d.h. mit geringstmöglichem Einsatz, den höchstmöglichen Ertrag erwirtschaften.

Dass dieses Konzept in der Psychiatrie des Klinikums Bremen-Ost ökonomisch höchst erfolgreich angewandt und von der Eignerin, der Stadt Bremen, entsprechend goutiert wird, kritisiert auch die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V in einer Deputationsvorlage, aus der hervorgeht, dass die Quersubvention seit ca. 2004 in Millionenhöhe widerrechtlich ist.

Davon hatte Claudia Beck keine Kenntnis, als sie ihr Kind im Juli 2014 im Vertrauen darauf, dass an jenem Ort alles Menschenmögliche zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit erfolgen würde, einem offenkundig maroden System auslieferte.

Die volle Tragweite erkannte Claudia Beck erst, als der Staatsanwalt die über zwei Jahre unter Verschluss gehaltene Krankenakte endlich doch herausgeben musste, nachdem er das Ermittlungsverfahren gegen die der fahrlässigen Tötung beschuldigten Ärzten auf der Grundlage eines höchst suspekten Sachverständigengutachtens zunächst einzustellen versucht hatte.

Ohne Zweifel ist es nur der bislang bereits erreichten medialen Aufmerksamkeit zu verdanken, dass das Verfahren zwischenzeitlich wieder aufgenommen wurde. Gesteigerter öffentlicher Wachsamkeit wird es auch weiterhin bedürfen, wenn es darum geht, wirkungsvoll zu verhindern, dass besonders schutzbedürftige Patienten Opfer der Profitinteressen werden.

Dr. Christian Discher

Zur Deputationsvorlage gelangen Sie hier: „Weiterentwicklung der Psychiatriereform in Bremen – ein gesundheitspolitisches Zukunftskonzept“ durch den Senat

http://www.dgsp-bremen.de/images/stories/www-bilder/pdfs/140905_umsetzung_deputationsvorlage_final.pdf

http://www.huffingtonpost.de/christian-discher/psychiatrie-als-todesfall_b_17348602.html?utm_hp_ref=blogs

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