Machtmissbrauch in der Psychiatrie: Wenn Fehldiagnosen und Zwangsbehandlungen Leben zerstören

Hamburg (ots) Kann sich Ueckermünde auch nach den NS-Verbrechen nicht vom Bann des Unrechts lösen? Als 1993 „Die Hölle von Ueckermünde – Psychiatrie im Osten“ ausgestrahlt wurde, war das Medienecho gewaltig. Die unmenschlichen Unterbringungsmaßnahmen sorgten weltweit für Entsetzen. Sein größtes persönliches Unrecht erlebte Christian Discher in Ueckermünde Jahre nachdem Ernst Klees Reportage erschienen war. Als damals 17-Jähriger wurde er auf die Akutstation in Haus 12 in Ueckermünde eingeliefert. Was Christian Discher dort erlebt hat, beschreibt er aus der Perspektive eines Jugendlichen in seinem Buch: „Die Stimmen der Übriggebliebenen“, erhältlich beim underDog-Verlag. Christian gerät nach einer Tumorerkrankung und dem Entdecken seiner eigenen Homosexualität in eine tiefe Lebenskrise. Eine Seelsorgerin möchte helfen und bringt Christian ins Klinikum Neubrandenburg. Dort beginnt sein Martyrium. Noch ehe er sich versieht, wird ihm seine Identitätskrise als Folge einer Schizophrenie attestiert. Ohne Christians Eltern zu informieren, wird er fixiert, medikamentös zwangsbehandelt und nach Ueckermünde abtransportiert. Dort, dauerhaft sprach- und bewegungsunfähig gemacht, erlebt er das Innere der Geschlossenen. Bilder, die er nie vergessen wird. In der Nachsorge trifft er auf ein System, das ihn und seine neu gewonnenen Freunde unterdrückt. Nur langsam erlangt Christian seine Sprachfähigkeit wieder. Er wehrt sich gegen den vorgefertigten Plan, der für ihn nur den Besuch einer Behindertenwerkstatt vorsah. Dabei lässt er seine Wegbegleiter zurück. Sie haben keine Kraft mehr und scheiden aus dem Leben. Durch den Aufenthalt in Ueckermünde hat der heute promovierte Sprachwissenschaftler Jahre seines Lebens verloren. Für Recherchen kehrte er 2014 in seine alte Heimat zurück. Mit Erschrecken stellte er fest, dass ein Teil des ärztlichen Personals noch immer praktiziert.(Erschienen am 05. 11.2015)

 

Dr. Christian Discher

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