Was hat das Schicksal der “Übriggebliebenen“ mit psychisch kranken Mördern zu tun?

Liebe Leserinnen, lieber Leser meiner Autorenseite,

am 2. August 2016 hat mich der Brief einer 84-jährigen in Stralsund lebenden Leserin erreicht, den ich an dieser Stelle auszugsweise im Wortlaut der Verfasserin mit meiner Stellungnahme veröffentliche.

„Sehr geehrter Herr Discher,

[…]ich kann aber zu den Problemen, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, eine ganze Menge sagen und Ihnen in Vielen beipflichten. Ich kann aber nicht verstehen, daß Sie nicht einsehen, das Ärzte u. andere Personen, die mit einem psychisch Kranken beruflich o. privat umgehen, verpflichtet sind, einen solchen von einer beruflichen Tätigkeit abzuhalten, bei welcher er bei Fortbestehen o. Verschlechterung andere Menschen in Gefahr bringen o. sogar viele Menschen töten kann. Ich denke da an Herrn Andreas Lubitz, der trotz der vielen Ärzte, Angehöriger u. Freundin in den Führerstand eines Passagierflugzeuges gelassen wurde und damit 149 Passagiere u. sich selbst ermordete u. außerdem vielen Menschen Leid zugefügt hat. Lt. Bildzeitung vom 19.7.2016 hat jetzt der Vater eines Opfers Anzeige gegen die Eltern u. die Freundin von Lubitz erstattet. Warum nicht in 1. Linie gegen die ganzen behandelnden Ärzte? Aus Ihrem Buch geht hervor, daß Sie diese Gefahren nicht erkennen, zumal es ja so ist, daß ein einmal psychisch krank gewesener Mensch immer ein unsicherer [Kandidat: Das Wort war schwer lesbar] ist. Ich bitte Sie um eine schriftliche Antwort auf meine Stellungnahme zu ihrem Buch.

Mit freundlichem Gruß“

Meine Stellungnahme:

Sehr geehrte Frau …,

Ihre Stellungnahme zu meiner Tagebucherzählung „Die Stimmen der Übriggebliebenen“habe ich zur Kenntnis genommen. Als Überlebender psychiatrischer Zwangsbehandlung und Folter in den Psychiatrien Neubrandenburg und Ueckermünde, und im Sinne der “Stimmen der Übriggebliebenen“ ist es das primäre Anliegen meiner Tätigkeit als Autor, auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen und Aufklärung herbeizuführen. Trotz der eigens gemachten, grausamen Erfahrungen in den berüchtigten Psychiatrien, die mich fast um mein Leben gebracht hätten und dem Bewusstsein, dass zahlreiche auf meinem Internetblog beschriebene Einzelschicksale der Menschen – deren Leid mir aufgrund des Einblicks in die Akten und aus persönlichen Gesprächen mit den Angehörigen bekannt ist – von Fehlentscheidungen und Machtmissbrauch von Beteiligten in Justiz und Psychiatrie geprägt sind, halte ich die Institution “Psychiatrie“, die den Zweck der Prävention, der Heilung bzw. die Verbesserung der Lebensqualität mit einer psychischen Erkrankung verfolgt, für eine sinnvolle und erforderliche Einrichtung. Auch sind zum Schutz der Betroffenen sowie der Gesellschaft bei bestehender Eigen- bzw. Fremdgefährdung Unterbringungen in einem psychiatrischen Krankenhaus unter Einhaltung der strengen gesetzlichen Voraussetzungen gerechtfertigt. Die von mir veröffentlichten Texte sollen auf bestehende Missstände in deutschen Psychiatrien aufmerksam machen, dazu beitragen, Fälle von Machtmissbrauch aufzudecken, Opferzahlen transparent darzustellen und die Rolle von Beteiligten (Mediziner, Juristen, Psychologen, Pädagogen, Betreuer, Sozialarbeiter u.s.w.) im System Psychiatrie kritisch zu hinterfragen sowie zu diesem Themenkreis ein öffentliches Bewusstsein zu schaffen. Daher hat mich Ihre Stellungnahme zu meinem Buch verwundert, in der sie das Schicksal der “Übriggebliebenen“ mit Zitaten aus der “Bild“ über psychisch kranke Mörder in einen Zusammenhang bringen. Als in Berlin lebender Homosexueller werde ich mich demnach weiterhin für die Rechte abhängig untergebrachter Menschen einsetzen und mit Nachdruck auf die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Gesellschaft hinweisen.

Dr. Christian Discher

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