Es war ebenfalls der Sommer 1997

Meinen Eindruck aus dem Freiwilligen Jahr – es war ebenfalls der Sommer 1997 – dass Ueckermünde vorbei war/ ist, musste ich nach dem Lesen dieses Buches zum Teil schmerzlich revidieren. Schlimm.

Hallo,

vielen Dank für Ihre Rezension. Auch mich beeindruckte das Buch sehr, es wühlte auf, machte wütend, teils fassungslos.

Dabei gab es in den späten 1990er Jahren so viel gute Aufbruchstimmung.

Während meines Freiwilligen Jahres in Mecklenburg lernte ich in der Arbeit mit Menschen, die aus Ückermünde (tatsächlich) gerettet wurden: Ückermünde ist vorbei. Es geht zurück ins Leben. Auf unglaubliche Weise schafften es diese Menschen mit professioneller Unterstützung in die Selbständigkeit. Sie leben heute teils in eigenen Wohnungen. Hätten sich diese neu ausgebildeten Heil- und Sozialpädagogen auch nur eine Minute (vorrangig) an Diagnosen aufgehalten, diese Menschen nicht in ihrer Geschichte, mit ihren Wünschen und ihren Lebenszielen anerkannt, wären sie in der neuen Umgebung nie wieder auf die Füße gekommen. Das war aber nicht der Fall. Auch die im Buch genannte Seelsorgerin kannte und betreute diese Einrichtung und förderte nach Kräften diese menschenzugewandte Pädagogik. Daran erinnere ich mich.

Nach meinem Eindruck ist der Blick auf den Verlauf der Klinikeinweisung in Ihrer Rezension auch etwas verkürzt. Ich las die entsprechenden Abschnitte so, dass mehrere Personen an jenem Tag den Eindruck teilten, dass es Herrn Discher nicht gut ging. Zu diesen Personen gehörte seine Freundin Bea, die nach einem gemeinsamen Ausflug erst mit ihm in die Kirche fuhr, später auch an den Ort, an dem Herr Discher mit der Seelsorgerin sprach. Bea begleitete ihn später ins Krankenhaus. Im Weiteren erlebten auch der genannte Pastor sowie die anwesenden Gottesdienstbesucher Herrn Discher (wenngleich diese in Bezug auf den weiteren Verlauf keinen relevanten Einfluss ausübten).

In der Kirche selbst gab es neben vorhergehenden Beobachtungen von Bea zudem eine Schlüsselsituation, die wahrscheinlich alle Beteiligten irritierte (die kurze Ansprache an die anwesenden Besucher des Gottesdienstes). Nachdem der Pastor (nach meinem Eindruck) adäquat intervenierte und den Rahmen bzw. die „soziale Ordnung“ wieder herstellte, in dem er den Autor schlicht anwies, sich auf eine der Bänke zu setzen, war es Bea, die dann (verständlicherweise) das Gespräch mit dem Pastor suchte. Über den Inhalt erfahren wir nichts im Buch, zu vermuten ist aber, dass der Pastor Beas Anliegen/ Sorge aufnahm und den Vorschlag unterbreitete, die Pastorin (Seelsorgerin) aufzusuchen.

Diese wiederum erfuhr sicher im Vorfeld a) von der Schlüsselsituation in der Kirche (Ansprache etc.) sowie b) vom Verdacht / der Sorge der Bea und des Pastors. –> Das ist zumindest der unmittelbare Hintergrund, vor dem der Autor dann auf die Seelsorgerin trifft. [Mit den 1968ern hat das in dem von Ihnen dargestellten Sinne nur wenig zu tun: im Gegenteil – diese Bewegung war es, die in ganz Europa (außer in der DDR) Impulse für die Reformierung der Psychiatrie in den 1970er Jahren setzte (–> Psychiatrie Enquete 1975 u.a.), die Basis schaffte für die Deinstitutionalisierung verwahrender Großanstalten auch in der Behindertenhilfe, der Altenpflege – letztes kam allerdings erst etwas später in Schwung und LEIDER mit nicht ausreichend langem Atem, der notwendig wäre um die teils unwürdige Behandlung älterer Menschen endlich zu beenden].

Zum o.g. verdachtsbestärkenden Hintergrund kommt ein weiterer Aspekt hinzu: an einer Stelle fragt die Seelsorgerin Herrn Discher, mit wem Herr Discher gern sprechen würde. Er nennt Mila (seine innere Stimme). Die Seelsorgerin und Bea willigen daraufhin ein, mit ihm zu Mila zu fahren – bringen ihn stattdessen in die Notaufnahme. Wie sollten sie reagieren? Ich versuchte die Frage für mich selbst zu beantworten und merke, wie schwer das ist (auch selbstverständlich, weil ich nur begrenzten Einblick auf der Basis des Buches habe).

Was in jedem Fall zutrifft: niemand hat zu diesem Zeitpunkt Herrn Discher verstanden, niemand war in der Lage, ihn und seine Situation angemessen zu lesen.

Ich persönlich würde aber gerade den genannten Personen, die ausdrücklich nicht in das medizinische System gehören, keinen Vorwurf machen – sie handelten, weil Sie den Eindruck hatten, sie müssen handeln – und zwar nicht mehr im Rahmen ihrer eigenen – begrenzten – Möglichkeiten (Freundschaft, Seelsorge), sondern durch Einschaltung Professioneller mit medizinischer Qualifikation – denen auch die Seelsorgerin, der Pastor und Bea vertrauten. Das ist das unendlich Tragische.

Im Übrigen kann eine Seelsorgerin keine „Klinikeinweisung“ veranlassen. Das ist Sache der Ärzte, darüber zu befinden. Bei diesen allein lag alle weitere Verantwortung darüber zu entscheiden, ob sich der junge Mann in einer psychiatrischen (und damit: medizinisch behandlungswürdigen) oder in einer psychosozialen bzw. entwicklungsbezogenen, temporären Lebenskrise befindet… Dies hätte von (den zahlreich erwähnten) Medizinern erkannt und geklärt werden müssen. Nicht von der Seelsorgerin, die auf der Basis eines Verdachtes handelte (wie in anderen Fällen etwa Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen) – dieser hätte ja auch vollständig entkräftet werden können – wurde er aufgrund der Inkompetenz und menschenverachtenden Haltung der genannten Mediziner aber nicht.

Meinen Eindruck aus dem Freiwilligen Jahr – es war ebenfalls der Sommer 1997 – dass Ueckermünde vorbei war/ ist, musste ich nach dem Lesen dieses Buches zum Teil schmerzlich revidieren. Schlimm.

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