Warum bagatellisieren Sie öffentlich das Leid der gequälten Opfer aus der Reportage, Herr Dr. Klaus Gollert?

Noch vor dem Erscheinen des underDog Magazins erfolgt an dieser Stelle die Veröffentlichung des ersten Berichts.

Christian Discher geriet als 17-Jähriger im Juni 1997 in die Fänge der geschlossenen Psychiatrie Neubrandenburg. Eine Pastorin, bei der er in einer Lebenskrise Rat gesucht hatte, brachte ihn dorthin. Der Junge hatte sich an die Seelsorgerin gewandt, weil eine Tumorerkrankung ihn in Todesangst stürzte und weil er unsicher war, ob er seine Homosexualität offenlegen sollte. Doch statt Zuwendung und Aufmerksamkeit erlebte der Jugendliche in der Psychiatrie die völlige Missachtung seiner Empfindungen, Gewalt und Zwang.

Die psychiatrische Klinik stand damals unter der Leitung des Chefarztes Dr. Rainer Gold, dessen skandalbelastete Vorgeschichte ihn zu dem Zeitpunkt längst aus seinem Berufsfeld hätte katapultiert haben müssen. Kriminelle Machenschaften, in die er in der Wilhelm-Griesinger-Klinik in Berlin Marzahn verwickelt war, wurden schon 1991 vom SPIEGEL aufgedeckt. Gold war unmittelbar daran beteiligt, dass an nichts ahnenden Patienten, ohne Einwilligung, bedenkenlos neuartige Medikamente ausprobiert wurden – ungeachtet der damit verbundenen Gefahr möglicher Gesundheitsschäden oder potenziell tödlicher Nebenwirkungen. Doch die Perspektive der von den Medikamententests Betroffenen spielt bis heute, wie beispielsweise die 2016 von Hess, Hottenrott und Steinkamp vorgelegte Studie „Testen im Osten – DDR-Arzneimittelstudien im Auftrag westlicher Pharmaunternehmen 1964-1990“ zeigt, kaum eine Rolle.

Gold jedenfalls konnte als Psychiater und Sachverständigengutachter, der sich als „Eichmaß des Guten und Bösen“ aufspielte, weiterhin ungezählte Lebenswege negativ beeinflussen. Eines seiner zahlreichen Opfer wurde Christian Discher, der psychiatrische Zwangsbehandlung in Form schwerer körperlicher und psychischer Misshandlungen ertragen musste. Der Minderjährige wurde bei seiner Einlieferung fixiert und ihm wurden stark sedierende Psychopharmaka verabreicht. Die Misshandlungen führten bei Discher bald zum völligen Ausfall zahlreicher Körperfunktionen, in deren Folge er während und nach seiner Unterbringung in der Psychiatrie Ueckermünde seine Sprechfähigkeit für anderthalb Jahre verlor.

Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Ueckermünde wurde zu dieser Zeit von dem Psychiater Wolfgang Kliewe als verantwortlichem Chefarzt geleitet. Während der SED-Diktatur überwachte Kliewe die internen Psychiatriereformen. Sie sollten wegführen von den großen Wachsaal-Stationen hin zu einem stärker therapeutisch gestalteten Alltag. Doch von der Anwendung moderner Behandlungsmethoden, derer Kliewe sich in einem Interview 2006 rühmte, merkten Discher und die anderen eingesperrten Insassen nichts. Dass Kliewes damals schon gefürchtete Oberärztin Dr. Ruth Andes, die heute noch in einer finsteren Nische der Psychiatrie tätig ist, auf Anregung eines Professors der evangelischen Theologie mit der Psychologin Sylvia Kühnl 2008 in den Ethikrat berufen werden konnte, erscheint Discher als blanker Hohn.

In Ueckermünde wurden an dem hilflosen Jungen, der in Haus 12 abfällig mit „Frau Discher“ angesprochen wurde, ohne Zustimmung Lumbalpunktionen durch den Assistenzarzt André Gille vorgenommen. Seine Rechte im Unterbringungsverfahren konnte Discher nicht geltend machen, da weder der Verfahrenspfleger noch die zuständige Richterin ihn anhörten, solange er noch sprechen konnte. Seine Eltern wurden erst gerufen, als er bereits verstummt war. Gille, heute ein anerkannter Arzt, war noch bis vor Kurzem als Chefarzt für Neurologie und Psychiatrie in Pasewalk tätig.

Bereits 1993 hatte Ernst Klee in seiner Reportage „Die Hölle von Ueckermünde – Psychiatrie im Osten“ gravierende Missstände in der dortigen Psychiatrie aufgedeckt. Als die ARD die Reportage ausstrahlte, war das Medienecho gewaltig. Die unmenschlichen Unterbringungsmaßnahmen in den Psychiatrien der ehemaligen DDR sorgten für Entsetzen. Doch was war am schlimmsten? Die Argumentation des interviewten Personals, die Lebensbedingungen der Patienten oder der Anblick der verängstigten Frauen und Männer, die seit Jahren kaum Tageslicht gesehen hatten, die, teilweise nackt, regungslos in Ecken kauerten oder, unartikulierte Laute ausstoßend, über den blanken Boden krochen? Dem öffentlichen Aufschrei folgte die öffentlichkeitswirksame Beschwichtigung. Auf die Aufdeckung der unsäglichen Verhältnisse schien deren sofortige Unterbindung zu folgen. Tatsächlich blieben sie jedoch hinter verschlossenen Türen weitgehend dieselben, wie Discher 1997 selbst leidvoll an Leib und Seele erfahren musste.

Sonja Süß, die in der ehemaligen DDR als Psychiaterin tätig war und von 1993-1997 als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen die Aufarbeitung der Psychiatriegeschichte leisten sollte, spielte in ihrer Studie die in der Reportage gezeigten Missstände herunter und leugnete eine Verantwortlichkeit der dort Tätigen. Hat es in der DDR einen politischen Missbrauch der Psychiatrie gegeben? Sonja Süß wertete in jahrelanger Kleinarbeit Hunderte Akten des Ministeriums für Staatssicherheit aus und kam in ihrer Monografie zu überraschenden Ergebnissen: „Tatsächlich hat ein Teil der Ärzte, die als inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit tätig waren, Patientengeheimnisse verraten. Auch wurden psychisch Kranke anlässlich von Staatsfeiertagen vorübergehend in psychiatrische Krankenhäuser eingewiesen, außerdem waren Fälle von Psychiatriemissbrauch zur Disziplinierung unbequemer Menschen durch die politischen Machthaber nachzuweisen. Doch anders als in der Sowjetunion oder Rumänien ist die Psychiatrie in der DDR nicht systematisch als staatssicherheitsdienstliches Instrument zur Verfolgung politischer Gegner missbraucht worden.“ (Süß, 1998)

In Sachen Ueckermünde äußerte sich auch der dafür verantwortliche damalige Sozialminister Dr. Klaus Gollert (FDP) 2015 bagatellisierend über die dort herrschenden Zustände. So wurde das Unrecht der Vergangenheit nicht nur nicht aufgearbeitet, sondern konnte sich sogar weiterhin in den öffentlich nicht zugänglichen Abteilungen fortsetzen. Auch der Psychiater Dr. Rainer Kirchhefer, der seinem Kollegen Gold 2011 auf den Posten des Chefarztes nachrückte, scheint wenig interessiert an einer Aufdeckung des ganzen Ausmaßes der Geschehnisse. Am 1. Oktober 2017 wurde Kirchhefer Ärztlicher Direktor des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums Neubrandenburg.

Discher begegneten während seines Aufenthaltes in der Hölle von Ueckermünde nicht nur viele durch die dort erlebten Misshandlungen körperlich, geistig und psychisch zerstörte Menschen, die unfähig waren, sich gegen das ihnen dort angetane Leid zu wehren, sondern der 17-Jährige traf im Haus 12 auch auf den psychisch erkrankten Straftäter, der seine Großeltern mit einer Waffe bedroht und die Einwohner in seinem Heimatdorf jahrelang körperlich und verbal attackiert hatte.

Trotz allem gelang es Discher, ins Leben zurückzukehren, zu studieren und zu promovieren, obwohl er bei seiner Entlassung aus Ueckermünde als minder intelligent eingestuft worden war. Er kann heute über die damaligen Zustände und die gegen ihn und andere durch das ärztliche und pflegerische Personal verübte Gewalt Zeugnis ablegen. Die Menschen aus Klees Reportage und andere ehemalige Patienten wären dagegen nicht in der Lage, ihre eigenen Interessen nach außen hin geltend zu machen.

Dr. Christian Discher hat in seiner 2015 erschienenen Tagebucherzählung „Die Stimmen der Übriggebliebenen“ anschaulich und erschütternd dokumentiert, was ihm und seinen Wegbegleitern in den Anstalten in Neubrandenburg und Ueckermünde und durch die verantwortlichen Institutionen vor Ort angetan wurde.  Ende 2019 musste er bei seinen Recherchen feststellen, dass ein umfangreiches Netzwerk der Staatssicherheit noch postdiktatorisch tätig war, das die Aufklärung der gegen ihn und seine Wegbegleiterinnen verübten Gewalt mit allen Mitteln verhindert.

Diesem Netzwerk gehörte der Vater der Protagonistin Renate in seinem Buch an. „Der Name belastet mich nach wie vor psychisch sehr, da er von meinen sechs inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi der Einzige war, der meine Existenz vernichten wollte“, sagte eine Zeugin über ihn aus, die eng mit diesem Mann zusammenarbeitete.

Dr. Christian Discher fordert, die Mauer des offiziellen Verharmlosens endlich zu durchbrechen und einen unabhängigen, internationalen Untersuchungsausschuss einzurichten oder vergleichbare Maßnahmen zur Aufklärung der Menschenrechtsverletzungen zu ergreifen, damit die Verantwortlichen endlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Eine Petition um Aufarbeitung, die er 2017 an den Petitionsausschuss des Landes Mecklenburg-Vorpommern richtete, wurde abgelehnt, obwohl der Landtag das Recht zur Einsetzung eines Untersuchungsausschusses gehabt hätte. Doch der Gesundheitsminister erklärte im Juli 2017, dass die Psychiatrie Mecklenburg-Vorpommerns keineswegs von Machtmissbrauch, menschenunwürdiger Behandlung und psychiatrischer Zwangsbehandlung geprägt sei. Der Vorsitzende des Petitionsausschusses Manfred Dachner kam in einem Schreiben vom 28. Juni 2018 zu dem Schluss, dass keine Anhaltspunkte für die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses erkennbar seien. Nachdem diese Chance vertan wurde, bleibt Dr. Christian Discher nichts anderes übrig, als weiterhin lückenlose Aufklärung zu fordern.

Nachtrag vom 15. Februar 2020:

„Auch Dr. Kirchhefer, der aktuelle Chefarzt der Neubrandenburger Klinik für Psychiatrie, will sich nicht äußern. Er bietet Discher aber an, anhand der Krankenakte über Gründe und Erklärungen für die damaligen Geschehnisse zu sprechen.” Nordkurier Interview “Gefangen in der Psychiatrie”, 10. Februar 2016.

 

Bibliografie

Korrespondenz zwischen Dr. Christian Discher und dem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit

Video: Hölle von Ueckermünde https://www.youtube.com/watch?v=7XOCdgZyQPg

Deutsche Version der Petition: Gegen Folter und Zwangsbehandlung in deutschen Psychiatrien mit

7170 Unterschriften: https://inklusionspolitik.de/petition-2016/

Lehnt Landtag Aufklärung der Menschenrechtsverletzungen in der Hölle von Ueckermünde ab?

Herr Minister, warum sollen die Menschenrechtsverletzungen unaufgeklärt bleiben?

Antwort Landtag MVP Petitionsausschuss, 11. Mai 2017

Antwort Landtag MVP Petitionsausschuss, 5. Juli 2017

Ablehnung der Petition – Vorsitzender des Petitionsausschusses, Manfred Dachner, 28. 06. 2018

Discher (2019): Wie viele Tote hat es seit 1990 in den berüchtigten Einrichtungen gegeben?

Allgemeine Beiträge

Der Spiegel (1991): “Das ist russisches Roulett”

Gollert, Rainer (2015): 25 Jahre Festveranstaltung Landtag Festveranstaltung Mecklenburg-Vorpommern

Dr Klaus Gollert erklärt auf der Festveranstaltung: „Das Negativste, was ich in meiner Regierungs- und Abgeordnetenzeit erlebt habe, war 1992 der ZDF-Beitrag [sic.] über die „Hölle in Ueckermünde“. Vielleicht wissen das noch einige – das war deprimierend, dass dort, wo wir schon viel gemacht hatten, irgendein Fernsehteam in der Anstalt war und dort gedreht hat und Dinge zeigte, die wirklich schlimm waren. Aber es war eben, wie gesagt, eine Zeit, in der wir im Aufholen waren und nicht alles auf einmal erreichen konnten.“

Hess, Volker; Hottenrott Laura/ Steinkamp, Peter (2016): Testen im Osten. DDR-Arzneimittelstudien im Auftrag westlicher Pharmaunternehmen. be.bra Wissenschaft.

Interviews und Beiträge mit Chefarzt Wolfgang Kliewe, Dr. Thomas Bady, MU Dr. Ruth Andes, Katrin Roth, Sylvia Kühnl,  Dr. Rainer Kirchhefer,  Dr. Rainer Gold

2.2.2017, Gibt es bald einen neuen Stolperstein? Nordkurier-Pasewalker Zeitung

28.01.2017, Als Ueckermünde 4000 Menschen sterben ließ. Haff-Zeitung

16.06.2015, Welche Wunden die Erlebnisse hinterlassen

22.06.2012, Erst das Gespräch, dann die Pille. Nordkurier

29.04.2006, Ordnung für das Chaos im Kopf. Nordkurier

20.02. 2006, Der Papst der Psychiatrie. Nordkurier

2.03.2016, Wann macht Stress krank? Ein Chefarzt erklärt das, NK Strelitzer Zeitung

  1. Juni 2008, Zehn Mitglieder im neuen Ethikrat tätig.

Haff-Zeitung

 

 

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